Es gibt Dinge, die man nur durch Zeit lernt. Nicht durch Bücher. Nicht durch Ausbildungen. Durch das Bleiben.
Wenn ich heute darüber nachdenke, was diese 30 Jahre mit mir gemacht haben, sind es nicht die Techniken, die zuerst kommen. Nicht die Asanas. Nicht die Philosophie. Es sind die Menschen. Die Räume. Die Momente. Und das langsame Erkennen, dass Yoga nichts ist, was man tut. Yoga ist ein Zustand des Seins. Ein Zuhausesein in dem, was gerade da ist. Auch in der Unruhe. Auch im Schmerz.
1. Wie ich angefangen habe
Ich kam zu Yoga durch Liebeskummer. So einfach, so klassisch, so jung. Ich hing an einer Vorstellung davon, wie mein Leben hätte sein sollen — nicht an dem, was war. Und dieses Anhaften tat weh. So weh, dass ich nicht mehr weiter wusste.
Ein Freund sagte damals: Geh doch mal in ein Yoga-Studio. Vor 30 Jahren war das ein ganz anderer Satz als heute. Yoga war extrem uncool, und man hat mich damit aufgezogen: „Warte mal ab, bald trägst du Birkenstocks und nutzt Kristalldeo.” Ich habe gelacht. Rate mal — Birkenstocks sind heute total in Mode. Und Kristalldeo? Nutze ich immer noch.
Das Studio war in Mainz und wurde mein Lieblingsplatz auf der Welt. Ich war jeden Tag dort. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht kam. Die Menschen, die das Studio führten, hatten eine riesige Couch in dem Raum, in dem man ankam. Wir saßen tagelang darauf, haben über Gott und die Welt gesprochen, sind in Satsangs gegangen, haben zusammen praktiziert und meditiert. Zeitweise bin ich sogar in das Studio eingezogen. Sie hatten Zimmer, die sie untervermietet haben, und ich habe eines davon bewohnt. So nah wollte ich am Yoga sein.
Da sind Freundschaften entstanden, die ich heute noch halte. Auch eine andere Liebe kam aus diesem Studio — eine Erinnerung, die heute keinen Schmerz mehr trägt, sondern Dankbarkeit. Yoga war nicht ein Kurs, in den ich zweimal die Woche ging. Es war mein Leben.
2. Wie es weiterging
Von diesem Studio aus öffnete sich die Welt. Irgendwann kam die erste Yoga-Lehrer-Ausbildung, und dann kamen viele weitere. Ich will sie nicht alle aufzählen. Die Ausbildungen zählen nicht. Was zählt, sind die Lehrer, die einen prägen.
Ich bin dem Yoga hinterhergereist. In die USA. Nach Indien, wo ich Ayurveda studiert habe. Nach Mallorca. Nach London. Nach Kanada. Immer diesem einen Ruf hinterher, der sich nicht abschütteln ließ.
Und ich bin auch den Gurus hinterhergelaufen. Damals dachte ich, es gibt den einen Lehrer, der einem den Weg zeigt. Heute weiß ich es besser. Es gibt so viele Gurus da draußen, dass man am Ende gar keinen mehr braucht. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, ist das Leben der beste Guru. Es zeigt einem alles — wenn man hinschaut.
Lehrer sind wichtig, aber nur für eine bestimmte Zeit. Man wächst in sie hinein, man lernt von ihnen, und irgendwann wächst man aus ihnen heraus. Dann kommt ein anderer Lehrer, oder ein anderes Thema, oder eine andere Frage. Das ist kein Verrat. Das ist der Weg. Ich habe heute seit dreizehn Jahren zwei Lehrer, die mich tief begleiten — und vielleicht kommt auch mit ihnen irgendwann ein Punkt, an dem etwas Neues beginnt. Nichts ist für immer. Nichts.
3. Was ich am heutigen Yoga sehe
Yoga hat sich verändert. Manches davon tut mir weh. Ich sehe Studios, die mehr Boutique als Praxisraum sind. Ich sehe eine Yoga-Welt, in der die Pose oft wichtiger ist als der Weg. Und ich weiß, wie tief diese Praxis eigentlich geht — und wie oberflächlich sie manchmal dargestellt wird.
Aber ich bin nicht bitter. Denn dieselbe Entwicklung hat auch dazu geführt, dass Millionen Menschen zu Yoga gekommen sind, die es sonst nie ausprobiert hätten. Einige sind hoffentlich geblieben. Einige sind hoffentlich tiefer gegangen, als der Anfang versprochen hat.
Was mir wirklich fehlt, sind die Communities. Diese Räume, in denen Menschen sich wirklich begegnen. In denen jemand die Couch hat, auf der man sitzen kann. In denen es um mehr geht als um eine Stunde auf der Matte. Sie existieren noch. Aber man muss sie suchen. Und man muss sie halten, wenn man sie findet.
Die Welt ist stressiger geworden, nicht weniger. Und gerade deshalb wünsche ich mir Community. Ich wünsche mir, dass ich mit meinen Schüler:innen auf der Couch sitze und über Gott und die Welt spreche. Das mache ich nicht mit allen — aber mit vielen. Und ich wünsche mir, dass wir wieder mehr füreinander da sind. Dass wir uns tragen. Halten. Denn ohne das ist Yoga nur eine weitere Aktivität. Damit wird es das, was es ursprünglich war: ein Weg.
4. Wie sich meine Praxis verändert hat
Yoga ist meine große Liebe. Das hat sich in 30 Jahren nicht verändert. Der Liebeskummer, der mich damals hergeführt hat, hat mich zu meiner anderen großen Liebe gebracht — und die ist geblieben.
Was sich verändert hat, ist die Art, wie ich praktiziere. Ich renne nicht mehr den Posen hinterher, sondern dem Gefühl. Dem Spüren. Dem, was die Praxis mit mir macht, wenn ich sie zulasse. Yoga ist für mich heute ein Zustand. Ich bin in Yoga. Manchmal weniger, manchmal mehr — aber ich bin drin.
Meine Praxis heute ist Yogatherapie und trauma-sensibles Yoga. Wahrnehmen, was gerade da ist. Nicht das Ziel, nicht die perfekte Ausrichtung — sondern das, was in diesem Körper, an diesem Tag, in diesem Moment wahr ist. Yoga hat mich zur Akzeptanz gebracht. Zum Lernen. Zum Schamanismus. Zu so vielen Türen. Und trotzdem weiß ich mit jeder Zelle: Ich bin immer noch am Anfang. Genau das ist der Weg.
5. Abschließende Bemerkung
Persönliche Empfehlung von Ilana: „Ich habe in den letzten Jahren über 80 Yogalehrer-Ausbildungen gegeben. Am Ende jeder einzelnen machen wir eine Zeremonie — eine Verabschiedung von den Menschen, die ich über Monate begleitet habe. Wir verbeugen uns vor ihnen. Denn so wie sie ihre eigene Reise gemacht haben, sind sie auch meine Lehrer geworden.
In diesem Moment, jedes Mal aufs Neue, weiß ich mit jeder Zelle: Das ist mein Weg. Das ist meine Aufgabe. Menschen dabei zu helfen, sich selbst zu heilen.
Was Yoga mich in 30 Jahren gelehrt hat, kann ich in ein paar Sätzen sagen. Es hat mir nicht beigebracht, ruhiger zu sein. Es hat mir beigebracht, mit der Unruhe zu sein. Es hat mir nicht beigebracht, über den Dingen zu stehen. Es hat mir beigebracht, in den Dingen zu sein — und sie trotzdem zu tragen. Es hat mir nicht beigebracht, mich selbst zu lieben. Es hat mir beigebracht, mich selbst zu sehen. Und das ist mehr.
Ich habe damals angefangen, weil ich Liebeskummer hatte und nicht mehr weiter wusste. Ich bin geblieben, weil Yoga mir gezeigt hat, dass es einen Weg gibt, mit dem Leben in Beziehung zu sein. Nicht dagegen zu kämpfen. Nicht ihm hinterherzurennen. Sondern in ihm zu wohnen.
30 Jahre später bin ich immer noch auf der Matte. Nicht als Lehrerin, die alles weiß, sondern als jemand, der immer noch lernt. Und das ist vielleicht die wichtigste Lektion überhaupt: Wer aufhört zu lernen, hört auf, Yoga zu leben.”

Namaste, ich bin Ilana
Ich bin die Gründerin von Healing Wisdom.
Ich bin zertifizierte Ayurveda-Praktikerin, Yogalehrerin und Yogatherapeutin. Seit über 30 Jahren unterrichte ich Hatha Yoga und Meditation. Mein Stil, Healing Wisdom, ist aus mehreren Traditionen zusammengefasst, die mich in den letzten Jahrzehnten stark beeinflusst haben: Anusara, Hatha Flow, Yoga Therapie, Ashtanga, Iyengar, Restorative, Katonah und Ayurveda.
Healing Wisdom Yoga schöpft aus dem Ayurveda, der Yogaphilosophie und dem Leben selbst und versteht es, tiefe Lehren aus den heiligen Schriften zu nehmen und sie mit Klarheit und Einfachheit zu vermitteln.
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