Im Sommer fühlt es sich an, als müsste man mehr machen.
Lange Tage. Viel Licht. Energie überall. Und so eine leise Stimme im Kopf: „Nutze das. Bewege dich. Sei aktiv. Sei produktiv.”
Aber der Körper weiß etwas anderes.
Der Sommer ist nicht die Zeit, in der wir noch eine Praxis draufsetzen. Der Sommer ist die Zeit, in der wir lernen dürfen, dass Pause auch Praxis ist. Vielleicht sogar die anspruchsvollste.
1. Was Ayurveda über den Sommer sagt
Ayurveda nennt den Sommer Pitta-Zeit. Pitta ist das Prinzip von Feuer, Hitze und Intensität. Im Außen zeigt es sich als Sonne, als Wärme, als lange Tage voller Licht. Im Innen als Verdauung, als Stoffwechsel, als emotionales Feuer.
Wenn Pitta im Sommer ohnehin schon hoch ist, brauchen wir nicht mehr Feuer. Wir brauchen Kühlung. Ruhe. Pause.
Was passiert, wenn wir das nicht sehen? Wenn wir im Sommer trotzdem alles hochfahren — intensive Praxis, scharfe Diät, zu viel Sonne, zu wenig Schatten? Der Körper zieht mit. Eine Weile. Aber im Herbst kommt die Rechnung. Erschöpfung. Hautirritationen. Verdauungsprobleme. Reizbarkeit, die man sich nicht erklären kann.
Der Körper hat nicht versagt. Er hat protestiert.
2. Was das für die Yoga-Praxis bedeutet
Yoga im Sommer ist nicht weniger Yoga. Es ist anderes Yoga.
Die intensive Ashtanga-Serie, das schweißtreibende Vinyasa, die anstrengende Sequenz — all das gehört in kühlere Jahreszeiten. Im Sommer trägt uns eine langsamere, kühlere, sanftere Praxis. Yin. Restorative. Lange Halten. Bewusstes Atmen. Meditation im Schatten.
Wie sieht das konkret aus? Ich stelle mir eine Sommerpraxis oft wie ein Zurücknehmen vor. Nichts Neues wird gebaut — was da ist, darf sich setzen. Eine Praxis dafür braucht keine Reihe von Posen. Sie braucht ein paar Räume, in denen der Körper sich öffnen und ausatmen darf.
Der erste Raum ist der liegende Schmetterling (Supta Baddha Konasana), gestützt mit Kissen unter den Knien und unter dem Rücken. Kein Ziehen, keine Dehnung — nur Öffnen. Die Hüften geben nach, der Bauch wird weich, die Verdauung darf sich beruhigen. Fünf bis zehn Minuten, wenn du kannst. Länger, wenn du willst.
Der zweite Raum ist die liegende Drehung (Jathara Parivartanasana) — ganz langsam und ohne Anstrengung. Beide Knie zur Seite fallen lassen, die Schultern bleiben am Boden. Kühlt den Rumpf, entlastet die Leber (das Pitta-Organ) und beruhigt das Nervensystem. Auf jeder Seite ein paar Minuten.
Wenn du magst, schließe mit einer kühlenden Atmung ab — Shitali oder Shitkari, beide sind für heiße Tage gemacht. Zunge zur Rinne rollen (Shitali) oder durch die zusammengepressten Zähne einatmen (Shitkari), langsam durch die Nase ausatmen. Zehn Atemzüge reichen, um den Körper innerlich zu kühlen.
Das ist alles. Keine 90 Minuten. Kein Schweiß. Kein Ziel. Nur Präsenz.
Das fühlt sich am Anfang wie Verzicht an. Wir sind darauf trainiert, Pause mit Faulheit zu verwechseln. Aber Pause ist nicht das Gegenteil von Praxis.
Pause ist Praxis.
Wer im Sommer bewusst weniger tut, arbeitet nicht weniger — sondern feiner. Hört zu. Beobachtet, wo im Körper Feuer ist, wo Hitze staut, wo Ruhe fehlt. Das ist Yoga. Nicht die Anzahl der Sonnengrüße.
3. Was Ayurveda im Sommer wirklich empfiehlt
Die Ernährung darf sich mit den Jahreszeiten verändern. Im Sommer sind es kühlende, süße, wasserreiche Lebensmittel, die Pitta beruhigen: Gurken, Wassermelonen, Kokos, Minze, Koriander, Fenchel. Milde Gewürze statt scharfer. Weniger Fleisch, weniger Alkohol, weniger Kaffee. Mehr Wasser, mehr Kräutertees, mehr frische Kräuter.
Was Pitta reduziert, ist am Ende ganz einfach: alles, was kühlt, was befeuchtet, was mild ist.
Ich habe vor einiger Zeit einen ausführlichen Blog mit konkreten Pitta-Rezepten für den Sommer geschrieben — von einem ayurvedischen Elektrolyt-Getränk über Gurken-Minze-Lassi bis zum Kokos-Curry. Wer die Küche als Werkzeug nutzen will, findet dort alles zum Nachkochen.
Zu den ayurvedischen Sommer-Rezepten
Aber Rezepte allein reichen nicht. Der Sommer verlangt eine andere Grundhaltung. Und die ist schwerer zu finden als ein gutes Rezept.
4. Warum „weniger” die anspruchsvollere Disziplin ist
Wir leben in einer Welt, die uns beibringt, immer mehr zu leisten. Mehr Kurse. Mehr Ziele. Mehr Wachstum. Mehr Optimierung.
Weniger zu tun fühlt sich falsch an. Als würden wir etwas verpassen. Als wären wir nicht diszipliniert genug. Als würde uns etwas fehlen.
Aber die Fähigkeit, im richtigen Moment weniger zu tun, ist die feinere Disziplin. Sie verlangt Selbstwahrnehmung. Sie verlangt, dass wir dem Körper glauben, wenn er sagt: Heute nicht. Heute langsamer. Heute Schatten.
Ayurveda und Yoga zusammen zeigen uns diese Sprache. Ayurveda sagt: Der Sommer ist Pitta-Zeit — kühle dich. Yoga sagt: Sei, wo du bist — nicht wo du glaubst sein zu müssen. Beides zusammen bedeutet: Im Sommer üben wir das Loslassen. Nicht das Durchziehen.
5. Abschließende Bemerkung
Persönliche Empfehlung von Ilana: „Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass Pause nicht Faulheit ist. Ich habe geglaubt, ich muss ständig praktizieren, unterrichten, funktionieren.
Der Sommer hat mich das gelehrt. Jeden Sommer wieder.
Wenn ich merke, dass mein Feuer hochkocht — im Körper, im Kopf, im Herzen — weiß ich heute: Es ist Zeit, den Fuß vom Gas zu nehmen. Nicht aufzuhören. Aber langsamer zu werden. Kühler zu werden. Mehr Wasser als Feuer.
Das ist Yoga. Das ist Ayurveda. Und das ist Selbstfürsorge in ihrer ehrlichsten Form.
Wenn du dich in diesem Sommer erwischst, wie du gegen die Hitze anrennst — dann halte einen Moment inne. Frag deinen Körper, was er wirklich braucht. Meistens ist es nicht mehr. Meistens ist es weniger.
Und weniger ist manchmal die tiefste Praxis, die es gibt.”

Namaste, ich bin Ilana
Ich bin die Gründerin von Healing Wisdom.
Ich bin zertifizierte Ayurveda-Praktikerin, Yogalehrerin und Yogatherapeutin. Seit über 30 Jahren unterrichte ich Hatha Yoga und Meditation. Mein Stil, Healing Wisdom, ist aus mehreren Traditionen zusammengefasst, die mich in den letzten Jahrzehnten stark beeinflusst haben: Anusara, Hatha Flow, Yoga Therapie, Ashtanga, Iyengar, Restorative, Katonah und Ayurveda.
Healing Wisdom Yoga schöpft aus dem Ayurveda, der Yogaphilosophie und dem Leben selbst und versteht es, tiefe Lehren aus den heiligen Schriften zu nehmen und sie mit Klarheit und Einfachheit zu vermitteln.
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