Wenn wir über den Beckenboden sprechen, denken die meisten Menschen an Schwäche. An Erschlaffung. An Übungen, die man nach einer Geburt machen soll.
Doch das, was ich in meiner Praxis immer wieder erlebe, ist das genaue Gegenteil.
Der Beckenboden, der nicht loslassen kann. Der hält. Der kontrolliert. Der so lange angespannt war, dass er sich selbst vergessen hat.
Und das ist keine Seltenheit. Das begegnet mir täglich — bei Frauen, bei Männern, bei Menschen, die äußerlich funktionieren und innerlich längst erschöpft sind. Bei Menschen, die eine schwierige Geschichte tragen. Manchmal eine, die sie selbst noch gar nicht benennen können.
1. Was ist der Beckenboden?
Der Beckenboden ist eine Muskelplatte, die wie eine Hängematte den Boden des Beckens bildet. Er besteht aus mehreren Schichten von Muskeln und Bindegewebe und verbindet das Steißbein mit dem Schambein.
Er trägt die inneren Organe — Blase, Darm, bei Frauen auch die Gebärmutter. Aber seine Aufgabe ist viel größer als das.
Der Beckenboden ist ein zentraler Teil des Atemzyklus — er bewegt sich mit jedem Atemzug auf und ab. Er ist eng verbunden mit dem Zwerchfell, dem Hüftbeuger und der tiefen Bauchmuskulatur. Er ist ein direkter Spiegel unseres emotionalen Zustands. Und er ist der unterste Bestandteil unserer Körpermitte.
Ein Beckenboden, der nicht loslassen kann, ist kein starker Beckenboden. Er ist ein erschöpfter. Und oft: ein sehr lange allein gelassener.
2. Warum ist der Beckenboden heute so häufig überspannt?
Weil unser Leben es so verlangt.
Das klingt einfach. Aber es ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann.
Unser Nervensystem ist nicht für Dauerstress gebaut. Es ist für kurze, intensive Reaktionen gebaut — und dann für Erholung. Was wir heute leben, ist das Gegenteil: ein anhaltender Zustand von Anspannung, Reizüberflutung und innerem Druck. Der Körper antwortet darauf mit Muskelspannung. Überall. Auch im Beckenboden.
Langes Sitzen: Stunden am Schreibtisch, im Auto, auf dem Sofa. Der Beckenboden wird komprimiert, die Durchblutung sinkt, das natürliche Bewegungsmuster geht verloren.
Falsche Atemgewohnheiten: Wer flach in die Brust atmet — und das tun die meisten Menschen — gibt dem Beckenboden keine Möglichkeit, sich zu bewegen.
Zu viel falsches Training: Übermäßiges Bauchtraining, falsch ausgeführtes Krafttraining, Sport ohne Körperwahrnehmung — all das kann chronische Überspannung erzeugen.
Nicht verarbeitete Erlebnisse: Der Körper speichert, was wir nicht aussprechen konnten. Was wir nicht zeigen durften. Was wir weggeschluckt haben.
3. Symptome eines hypertonen Beckenbodens
Ein überspannter Beckenboden zeigt sich selten direkt. Die Beschwerden tauchen woanders auf — und werden oft jahrelang falsch behandelt.
Typische Zeichen können sein:
- chronische Schmerzen im unteren Rücken oder Steißbein,
- Schmerzen beim Sitzen,
- eine Blase die häufig drängt — nicht aus Schwäche sondern aus Spannung,
- Schwierigkeiten beim vollständigen Entleeren von Blase oder Darm,
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, und
- das Gefühl, den Beckenboden nicht loslassen zu können — oder ihn schlicht nicht zu spüren.
Er ist einfach nicht mehr da. Nicht spürbar. Wie abgetrennt vom Rest des Körpers. Das ist keine Einbildung. Es ist eine Schutzreaktion.
4. Ayurveda und der Beckenboden
Im Ayurveda ist der Beckenboden eng mit dem Apana Vayu verbunden — der nach unten gerichteten Bewegung von Vata. Apana Vayu regiert alle Ausscheidungsprozesse: Miktion, Defäkation, Menstruation, Geburt. Er ist das Loslassen im Körper.
Wenn Vata aus dem Gleichgewicht gerät — durch Stress, Reizüberflutung, unregelmäßige Lebensweise — verliert Apana Vayu seinen natürlichen Fluss. Die ayurvedische Behandlung zielt darauf ab, Vata zu beruhigen durch Wärme, Öl und Regelmäßigkeit, Apana Vayu zu regulieren durch Pranayama und sanfte Asanas, und das Nervensystem zu nähren durch Ernährung, Schlaf und bewusste Entschleunigung.
5. Yogatherapie beim angespannten Beckenboden
Hier liegt ein Missverständnis, das ich immer wieder korrigiere.
Viele Yogaklassen trainieren den Beckenboden durch Anspannen. Mula Bandha, Kegel-Übungen, Core-Aktivierung. Bei einem überspannten Beckenboden ist das das Falscheste, was man tun kann.
Yogatherapie beim hypertonen Beckenboden bedeutet:
- Loslassen lernen — nicht anspannen.
- Tief atmen — das Zwerchfell bewusst nach unten sinken lassen.
- Körperwahrnehmung schulen — spüren, ohne sofort zu kontrollieren.
- Das Nervensystem beruhigen — denn ein Beckenboden im Stress braucht zuerst Sicherheit.
Der therapeutische Ansatz beginnt nicht mit Übungen. Er beginnt mit Aufmerksamkeit.
6. Trauma und der Beckenboden — wenn der Körper sich erinnert
Das ist der Teil, über den am seltensten gesprochen wird. Und der für viele Menschen der wichtigste ist.
Trauma hinterlässt Spuren im Körper. Nicht nur in der Erinnerung — sondern in der Muskulatur, im Bindegewebe, im Nervensystem. Der Körper speichert Erlebnisse, die zu groß waren, um vollständig verarbeitet zu werden.
Der Beckenboden ist dabei besonders häufig betroffen. Er liegt anatomisch im Zentrum des Körpers. Er ist eng verbunden mit dem autonomen Nervensystem — mit der Fähigkeit, sich sicher zu fühlen oder eben nicht. Bei körperlichen Übergriffen, bei emotionaler Gewalt, bei frühen Erfahrungen von Ohnmacht zieht sich der Beckenboden zusammen. Das ist Schutz. Das ist Überleben.
Das Problem ist: Dieser Schutz bleibt oft bestehen, lange nachdem die Situation vorbei ist.
Das Nervensystem unterscheidet nicht zuverlässig zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es reagiert auf innere Signale als wäre die Bedrohung noch jetzt. Und der Beckenboden hält mit. Nicht weil er falsch liegt. Sondern weil er damals richtig lag.
7. Trauma-sensibles Yoga und der Beckenboden
Trauma-sensibles Yoga ist kein sanfteres Yoga. Es ist ein anderes Yoga.
Es fragt nicht: Wie weit kommst du? Es fragt: Was nimmst du wahr?
Keine Korrekturen ohne Ankündigung. Keine Berührung ohne Erlaubnis. Jede Einladung bleibt eine Einladung — kein Befehl, keine Erwartung.
In der trauma-sensiblen Arbeit mit dem Beckenboden bedeutet das: keine direkte Anweisung zur Entspannung, Wahrnehmung vor Veränderung, den Atem als Anker nutzen, Grenzen benennen und respektieren, und Zeit — Trauma löst sich nicht in einer Stunde.
Die besten Asanas bei Beckenbodenverspannung
- Supta Baddha Konasana — Liegende Schmetterlingshaltung: Lege dich auf den Rücken, stelle die Fußsohlen zusammen und lass die Knie seitlich zur Erde sinken. Lege eine Hand auf den Bauch, eine auf das Becken. Beobachte den Atem. Halte 3–5 Minuten.
- Balasana — Kindshaltung: Knie dich auf die Matte, setze dich zur Ferse, strecke die Arme nach vorne. Atme tief in den Rücken und ins Becken. Lass den Beckenboden mit jedem Ausatem sinken.
- Viparita Karani — Beine an der Wand: Lege dich auf den Rücken, Beine senkrecht an einer Wand. Arme seitlich. 5–10 Minuten. Beruhigt das Nervensystem und gibt dem Becken Raum.
- Malasana — Tiefe Hocke: Öffnet den Beckenboden auf natürliche Weise. Falls die Fersen nicht auf den Boden kommen, Decke darunter legen. Hände in Namaste, Atem tief.
- Shavasana mit Atemfokus: Hand auf Bauch, Hand auf Becken. Beobachten ohne zu verändern. Spüren ob der Beckenboden dem Atem folgt.
8. Abschließende Bemerkung
Persönliche Empfehlung von Ilana: „In meinen Jahren der Arbeit mit Menschen habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich immer wieder bewegt.
Die Menschen, die ihren Beckenboden am wenigsten spüren, sind oft diejenigen, die am meisten getragen haben. Die am seltensten innehalten durften. Die gelernt haben, stark zu sein — weil es damals keine andere Möglichkeit gab.
Der Körper vergisst nicht. Aber er kann lernen, dass es vorbei ist.
Wenn du beginnst, deinen Atem tief ins Becken zu schicken — wenn du lernst, innezuhalten und wahrzunehmen, ohne sofort zu kontrollieren — dann beginnt etwas aufzutauen. Langsam. Manchmal mit Gefühlen, die lange gewartet haben, endlich gehört zu werden.
Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist der Körper, der endlich gehört wird.“

Namaste, ich bin Ilana
Ich bin die Gründerin von Healing Wisdom.
Ich bin zertifizierte Ayurveda-Praktikerin, Yogalehrerin und Yogatherapeutin. Seit über 30 Jahren unterrichte ich Hatha Yoga und Meditation. Mein Stil, Healing Wisdom, ist aus mehreren Traditionen zusammengefasst, die mich in den letzten Jahrzehnten stark beeinflusst haben: Anusara, Hatha Flow, Yoga Therapie, Ashtanga, Iyengar, Restorative, Katonah und Ayurveda.
Healing Wisdom Yoga schöpft aus dem Ayurveda, der Yogaphilosophie und dem Leben selbst und versteht es, tiefe Lehren aus den heiligen Schriften zu nehmen und sie mit Klarheit und Einfachheit zu vermitteln.
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